Deutschunterricht an der Berufsschule !

Chemielaboranten und Biologielaboranten arbeiten mit Sprache:

 

 

Projekt Haiku

 

Im Haiku wird ein Ausschnitt der sichtbaren Welt so wiedergegeben, dass in ihm sowohl das Wiedergegebene selbst als auch das daraus Erschließbare erkennbar wird.

 

Das Haiku ist eine in Japan von allen Bevölkerungsschichten angewandte lyrische Ausdrucksform. Die Struktur ist streng vorgegeben: Das Haiku besteht aus 17 Silben, das sind drei Zeilen zu 5 – 7 – 5 Silben. Der Inhalt  ist oft wesentlich bestimmt von

-          einer Naturerscheinung

-          dem Bezug auf ein einmaliges Ereignis

-          in der Gegenwart.

 

Hier das Beispiel eines Haiku aus dem 18.Jahrhundert:

                                                                 

                                                                  Um mein Brunnenseil

                                                                  rankte eine Winde sich –

                                                                  gib mir Wasser, Freund!

 

 

 

 

Didaktisches Konzept:

Sprachgestaltung im Deutschunterricht an der Berufsschule

 

Erst, wenn ich das Werkzeug ergriffen und mit ihm gearbeitet habe, weiß ich, wie schwer es ist, etwas zu schaffen,  und ich erfahre, was ich alles schaffen kann!

 

Unterrichtsziel war nicht das Verständnis von Lyrik, - hier von der besonderen japanischen Lyrik, dem Haiku.

 

Einer Gruppe naturwissenschaftlich orientierter Jugendlicher, so lautete meine Zielorientierung, wollte ich die Erfahrung bewussten schöpferischen Umgangs mit Sprache vermitteln. Das Haiku bot sich hier als Medium an, da es auf uns durch die Wiedergabe von Erscheinungsformen, die nicht unbedingt reflektorische und emotionale Entwicklungsprozesse zulassen, zeitgemäß wirkt.

 

Nachdem ich in der Gruppe einige klassische japanische Haiku und meine Überlegungen für die weitere Arbeit vorgestellt hatte, sprachen sich die auszubildenden Chemie- und Biologielaboranten für die Realisierung dieses Unterrichtsangebotes aus. Das war etwa Ende November 2006.

 

Der nächste Schritt war eher kognitiv-theoretischer Natur. Wir erwarben Kenntnisse zur Theorie der klassischen japanischen Lyrik; man könnte hier vielleicht von Haiku-Technik sprechen.

 

Nun konnte die prozessorientierte Arbeit beginnen:

 

Eindampfen, Destillieren, Einschmelzen eines Gedichtes eigener Wahl europäischer Herkunft auf ein "Kürzel" dieses Gedichtes von drei Zeilen in einer kleineren Gruppe. Hier war erforderlich, die Aussage des Gedichtes zu erfassen, zugleich war durch die lyrische Form ein hoher Sprachlevel vorgegeben worden. Beide Anforderungen wurden konstruktiv bewältigt) als Voraussetzung für die Annäherung an strenge literarische Formen eigenen Inhalts.

 

 

Diese Gedichte waren für diesen Arbeitsschritt ausgewählt worden:

 

Theodor Storm,                   Die Stadt

Hermann Hesse,                                Wintertag

Rainer Kunze,                       In Gottsdorf vor dem Gewitter

Rainer Maria Rilke,            Der Panther       

Georg Oswald Cott,            Das Eichhörnchen          

Ders.                                        Ein belangloser Tag     

 

 

 

 

 

Elfchen (Kurzgedicht)

 

Diese Annäherung geschah nun auf der Basis von

-      Fremdvorgabe, hier: elf Wörter nach Maßgabe verteilt auf fünf Zeilen, und

-      Arbeit mit Eigenem, hier: Wahl einer Farbe, die für den Inhalt des Elfchens  richtungsweisend sein würde.

Gearbeitet wurde in Kleingruppen auch hier .

 

In dieser schöpferischen Auseinandersetzung  erwarben die Sprachgestalter zunehmend Sensibilität gegenüber dem Rohstoff Sprache, den sie bearbeiten mussten  und sie nahmen wahr, wie sperrig, abweisend und arglistig täuschend er sich zuweilen in der Handhabung gab.

 

Diese Erfahrung und der dornige Weg durch sie hindurch lässt uns Lesern nun das Glück zuteil werden, den Niederschlag der so gewonnenen Sprache als Ereignis auf uns wirken zu lassen.

 

Die Ergebnisse unserer Bemühungen sind zu lesen (Vorsicht: Nie zu viele auf einmal!) im Glascontainer vor der Aula; die FOS Gestaltung hat sich bildnerisch an der Ausstellung beteiligt.

 

 

 

Braunschweig, 28.02.07  Frauke Wandmacher